Nachlese

43. Feministischer Juristinnen*tag in Hamburg

Seit 1978 bietet der Feministische Juristinnen*tag (FJT) Juristinnen* und Jus-Studentinnen* aus dem deutschsprachigen Raum die Möglichkeit, sich auszutauschen und zu vernetzen, und gemeinsam rechtspolitische Strategien zu entwickeln. Nachdem der FJT 2016 erstmals in Österreich, am Wiener Juridicum, stattfand – organisiert vom VöJ gemeinsam mit der Professur für Rechtsphilosophie und Legal Gender Studies an der Universität Wien (das juridikum widmete dem FJT 2016 eine FJT-Schwerpunktausgabe) – kehrte er dieses Jahr gewissermaßen „zurück“ nach Deutschland, und zwar in den hohen Norden, in die Freie und Hansestadt Hamburg. Unterstützt wurde der FJT 2017 wie immer von der feministischen Rechtszeitschrift STREIT.

Wie schon in Wien 2016, konnte auch heuer verkündet werden, dass es sich um den größten FJT in seiner Geschichte handelte: Diesmal kamen 350 Teilnehmerinnen* nach Hamburg, um zwischen Alster und Elbe ein Wochenende miteinander zu verbringen. Damit hatte der FJT zwei Jahre in Folge nicht nur die 200- sondern auch gleich die 300-Teilnehmerinnen*-Marke geknackt. Mit Sicherheit hat der erfolgreiche FJT in Wien dazu beigetragen, dass dieses Jahr besonders viele Österreicherinnen* die Reise in den Norden antraten: Gut 30 Frauen*, darunter alte wie neue Vereinsmitglieder, waren dabei und bildeten somit knapp ein Zehntel der Teilnehmerinnen*.

Am Freitagnachmittag bereitete ein reiches Angebot an Rahmenprogrammpunkten den FJT-Teilnehmerinnen* die Qual der Wahl: Zwischen einer Hafenrundfahrt mit Schwerpunkt Frauen*arbeit im Hafen und auf der See, einem Stadtteilrundgang durch St. Georg zum Thema „Gentrification und Sexarbeit“, einer Führung zur Geschichte der Frauen*bewegung im Kontext der Hamburger Hochschulen, und, hochaktuell, einem Diskussionsraum zum G20-Gipfel in Hamburg im Juni war für jede etwas dabei.

Der traditionelle Eröffnungsvortrag fand heuer im Besenbinderhof, einem Gewerkschaftshaus in St. Georg statt. Auf die Bühne wurde die 1932 geborene Hamburger Juristin Lore Maria Peschel-Gutzeit gebeten, die in einer Art Kamingespräch mit Lucy Chebout aus ihrem frauen*bewegten Leben als Feministin und Juristin erzählte. Nach dem Vortrag konnten Teilnehmerinnen* ihre 2012 erschienenen Memoiren “Selbstverständlich gleichberechtigt”, erwerben und signieren lassen.

Der Samstag ist am FJT stets der Tag, an dem intensiv inhaltlich gearbeitet wird. In zwei Blöcken mit je sechs parallel stattfindenden Arbeitsgruppen wurden die unterschiedlichsten Themen diskutiert: Vom Reformbedarf im Abstammungsrecht und queer-feministische Perspektiven auf das Erbrecht bis hin zu den Auswirkungen der Digitalisierung von Erwerbsarbeit auf das Geschlechterverhältnis. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der deutschen Rechtslage. Am Samstag Nachmittag fanden parallel drei Foren statt, und zwar zu den Themen „Solidarität und Arbeit in der feministischen Kritik“, „Mehrelternschaft und ihre rechtlichen Konsequenzen“ und „Rechtsmobilisierung gegen Hassrede im Netz und Cyber Harrassment“.

Die Hamburger Orga-Gruppe verzichtete dieses Jahr auf das ansonsten übliche Zwischenplenum nach den Foren, und bot stattdessen einen sogenannten „Streitraum“, in dem heikle Fragestellungen angesprochen und diskutiert werden konnten, und in dem sich Mediatorinnen* zur Schlichtung eventuell aufkochender Konflikte zur Verfügung stellten. Eine weitere Neuerung in Hamburg war das „Awareness-Team“, das während des gesamten Wochenendes als Ansprechpartnerin für beobachtete oder erlebte Übergriffe und Unannehmlichkeiten fungierte. Wer keine Lust auf „Streiten“ hatte, konnte parallel zum Streitraum gemeinsam mit anderen Teilnehmerinnen* zum Beispiel indisch tanzen, mit dem Fahrrad um die Alster fahren oder Fußball spielen. Oder einfach auf eigene Faust die Stadt erkunden oder sich sonstwie von der inhaltlichen Arbeit erholen und Kräfte für die Party am Abend sammeln.

Am Abend lud die Orga-Gruppe nämlich nach Altona, ins Frappant in der Viktoria-Kaserne, zu Sekt, köstlichen Häppchen und Tanz. Der strömende Regen (Welch Klischee! Zum Glück war das diesjährige, käuflich zu erwerbende „FJT-Goody“ ein Regenschirm!) hielt kaum eine Teilnehmerin* davon ab, zu feiern, zu tanzen und auf den FJT anzustoßen.

Wer es am Sonntag rechtzeitig aus den Federn schaffte, konnte an einem Workshop oder einer Austausch-AG teilnehmen. Unsere Vereinsmitglieder Isabell Doll, Maria Sagmeister und Johanna Schlintl gestalteten zum Thema „Bubble, Trump und Köln – feministisches Ringen um Sprache und Gehör“ eine sogenannte „Fishbowl“, bei der Teilnehmerinnen* in einer Art doppeltem Sesselkreis – der äußere hört zu, der innere diskutiert, ein steter Plätzewechsel ist erwünscht – miteinander ins Gespräch kommen.

Beim Abschlussplenum wurde noch einigermaßen intensiv diskutiert, auf inhaltliche Diskussionen wurde aber weitgehend verzichtet und fast schon traditionellerweise wurde über Abstimmungsverfahren und –mehrheiten gesprochen. Auch das rasante Wachstum sowie faire Anmeldemodi für den nächsten FJT wurden thematisiert.

Großen Applaus gab es, als sich eine Orga-Gruppe für das nächste Jahr fand: Der FJT 2018 wird von 11.-13. Mai in oder um Berlin stattfinden. Wir freuen uns!

Das gesamte Programm des FJT 2017 gibt es hier zum Nachlesen.

Sobald auch die am FJT 2017 beschlossenen Fachstellungnahmen – ua zu Schwangerschaftsabbruch, Sexualstrafrecht und Cyber Harassment – online zu finden sind, werden wir informieren.

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